Von Suchenden und Nichtgefundenen

Veröffentlicht auf von Margot

Sehr lustlos bin ich heute. Bin aufgewacht mit Kopfweh, draußen liegen elende Schneehaufen, die momentan wieder wegtauen, gleichzeitig schneit es schon wieder, und die ganze Welt (zumindest mein beschränkter Ausschnitt daraus) ist weiß und grau. Die Wolken hängen so tief, dass man die Berge gar nicht sehen kann. Das gefällt mir überhaupt nicht. Und so trostlos wie die Aussicht draußen ist auch mein heutiges Bild.
Vor ein paar Tagen habe ich einmal mit einem Uralt-Freund telefoniert. Uralt bezieht sich auf die Dauer unserer Freundschaft, nicht auf das Lebensalter. Dieser Freund ist ein sehr gescheiter Mann. Er benutzt seine Gehirnwindungen zum Denken und hat ein abegeschlossenes Studium der Anglistik, das ihm leider überhaupt nichts nützt. Sein Berufsleben hat er zum größten Teil als Portier in einem Hotel verbracht, bis er vor knapp zwei Jahren gekündigt wurde, weil er angeblich den falschen Anzug angehabt hat. Seitdem ist er ein "Suchender", wie das heute heißt, "arbeitslos" darf man anscheinend nicht mehr sagen. Kurzfristig war er einmal für lausiges Geld Türsteher im Theater, doch als es um eine fixe Anstellung gegangen ist, haben sie ihn wieder gekündigt. Wäre wahrscheinlich zu teuer gekommen. Ein Suchender ist billiger, wenn das Arbeitsamt (Verzeihung - Arbeitsmarktservice heißt das heute) seinen Lohn zahlt. Ich habe so den Verdacht, dass so manche Firmen heutzutage ihren Arbeitskräftebedarf mit Suchenden decken, die sie wieder entlassen, sobald die vom Amt geförderte Zeit vorüber ist. Dann dürfen die Suchenden wieder weiter suchen. Eine wunderbare Einrichtung ist das für die Arbeitgeber. Sie haben billige Arbeitskräfte, die Gewerkschaft hat nichts zu melden, die Arbeit wird gemacht von Leuten, die keinerlei Ansprüche stellen können. Schöne neue Wirtschaftswelt.
Am Montag gehe ich mit meinem Uralt-Freund essen, da werde ich Genaueres über sein weiteres Schicksal erfahren und wie weit die Schräubchen inzwischen schon angezogen worden sind. Denn die Schuld am Zustand des Suchens tragen immer die Suchenden selbst, niemals die Firmen. Das ist ein Naturgesetz.

Liebe Grüße
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iphigenie 02/23/2009 08:11

Das nennt ma Raubtierkapitalismus. Ich habe mich mit dem Thema "Grundeinkommen" schon intesiv beschäftigt. Hartz IV sind Almosen der Reichen an die Armen. Schön wären Demonstrationen "Wir sind das Volk" gegen das Unrecht das Menschen damit getan wird. lg Manuela

Margot 02/24/2009 11:15


In Österreich soll jetzt ein Grundeinkommen eingeführt werden, welches aber nur ein anderes Wort für Sozialhilfe bedeutet. Es ist an viele Auflagen gebunden, und vermutlich ist es Schwerarbeit, ein
solches zu erlangen. Ich wundere mich selbst manchmal, wie ruhig das Volk sich verhält. Liebe Grüße von Margot


Sabine 02/22/2009 14:51

Ja das ist ein wirklich aufreibendes Thema. Ich frag mich ja wie schlimm wird es noch, bzw. wann gibt es den großen Knall, denn so kann es doch nicht weitergehen. Der Staat verschuldet sich dadurch ja auch immer mehr. Auch wenn ich selbst unter den "suchenden" bin, bin ich dagegen das der Staat alles möglich fördert. Mich würde es ja mal interessieren wenn der Staat die ganzen Förderungen einstellt, wie sich dann alles entwickeln würde, denn Personal brauchen die Firmen ja dann trotzdem.
Wie gesagt ist ein ziemlich aufreibendes Thema und das nicht nur in Deutschland.

Margot 02/24/2009 10:52


Ich finde es einfach nicht fair, dass der Staat Leistungen erbringen soll, die eigentlich Angelegenheit der Firmen wären. Zum Beispiel haben die Firmen jahrelang keine Lehrlinge ausgebildet, die
jungen Leute sind auf der Straße gestanden und haben keinen Job gefunden, und dann plötzlich hat's geheißen, die Firmen haben kein Fachpersonal, der Staat soll gefälligst was machen. Was dazu
geführt hat, dass dann plötzlich der Staat die Lehrlingsausbildung gezahlt hat. Liebe Grüße von Margot


Mondblume 02/21/2009 19:04

Ja so was wird hier auch gemacht, aber soweit ich weiß sind die Firmen verpflichtet einen vom Amt geförderten Arbeitslosen, ein Jahr einzustellen. Das ist aber auch ein Witz, weil das Amt dann den größten Teil des Lohnes übernimmt....Lieber Gruß Regina

Margot 02/22/2009 11:18


In Deutschland ist das glaube ich doch noch ein bisschen strenger als in Österreich. Was mich an der ganzen Sache ärgert, ist, dass letztendlich die Steuerzahler dafür aufkommen müssen, dass
irgendeine Firma einen Angestellten hat. Ich finde, es ist nicht Aufgabe des Staates, diese Gehälter zu bezahlen, genausowenig, wie es Aufgabe des Staates ist, den Betrieben Lehrlinge auszubilden,
damit die dann fertig ausgebildete Arbeitskräfte haben. Liebe Grüße von Margot


AnnaChaos 02/21/2009 18:59

Hallo Margot!
Mit deinem Artikel hast du es auf den Punkt gebracht. Und immer noch kein Ende in Sicht! Ich arbeite im 5. Jahr als Honorarlehrerin, weil angeblich keine Gelder für eine Festanstellung zur Verfügung stehen. Lächerlich! Nach Abzügen von KV, leider auch RV, denn speziell mein Personenkreis, obwohl selbständig, obliegt der Rentenversicherungspflicht, gehe ich für einen Hungerlohn arbeiten....
Sorry, die Steuern hatte ich vergessen, die ich natürlich auch noch abführen muss!
Die Stadt spart an allen Ecken und Kanten...dafür investiert sie in pompöse Einkaufszentren, die mangels Masse (Geldmasse) stets wie ausgestorben sind...
Kann deinen Frust sehr gut nachvollziehen!
Wünsche Dir trotzdem ein relaxtes Wochenende!
LG Anna

Margot 02/22/2009 11:15


Liebe Anna, genau solche Geschichten sind es, die mich an der Einstellung so mancher Arbeitgeber zweifeln lassen. Dass Menschen nicht mehr als Menschen betrachtet werden, sondern als Kapitalwert,
der sich rentiert oder auch nicht. Ich wünsch' dir auf jeden Fall, dass du bald eine Fixanstellung bekommst. Liebe Grüße von Margot


opa-otto 02/21/2009 16:44

Ich habe immer gedacht in Austria ist alles noch ein wenig besser als in Germany - hört sich aber auch nicht gerade freundlich an Deine Schilderung.

Margot 02/22/2009 11:09


In den letzten zehn Jahren unter der unsäglichen Regierung, die wir hatten (über die kann ich mich gar nicht genug aufregen), sind so manche Schräubchen angezogen worden. In dieser Zeit ist auch
das Wort "Sozialschmarotzer" salonfähig geworden. Welches unterstellt, dass Leute, die Sozialleistungen beziehen, welche ihnen von Rechts wegen zustehen, in Wirklichkeit keinen Anspruch darauf
hätten. Schönen Sonntag nach Bayern!