Gottes Segen
Wieder einmal sämtliche Frühlingsgefühle umsonst.
So wie auf dem Bild sah es heute in der Früh bei mir aus. Mittlerweile ist der Schnee noch viel mehr geworden. Wegen mir hätten sie sich da oben nicht anstrengen müssen, ich brauche das weiße Zeug wirklich nicht. Naja, man kann's nicht ändern.
Heute bei der Bushaltestelle: Finsternis, Schneegestöber. Ich stehe in der Kälte und warte auf den Bus. Da kommt ein Mann und spricht mich an. "Grüßgott", sagt er. Ich grüße ihn auch und schaue ihn mir genauer an. Dicke Pudelmütze, ziemlich zahnloser Mund und freundliche Augen mit vielen Lachfältchen drum herum. Bin mir nicht ganz sicher, ob er ganz bei Trost ist, aber auf jeden Fall ist er harmlos. Er redet weiter: "Sie müssen sich nicht fürchten." Ich sage: "Ich fürchte mich nicht, es gibt keinen Grund dafür." Dann erzählt er mir lang und breit, dass er Pfarrer ist und dass Gott auf mich schaut, denn schließlich ist es ja für eine Frau nicht ungefährlich um diese Zeit auf der Straße. Was alles passieren kann, es gibt ja so viele schlechte Männer auf der Welt, ganz besonders in dieser unserer Zeit, aber ich soll mich nicht fürchten. Eigentlich habe ich mich noch nie abends auf der Straße gefürchtet, und das sage ich ihm auch, und füge noch hinzu, dass es Zeiten gegeben hat, in denen sich Frauen weit mehr fürchten mussten als heute. Herzliches Lachen ertönt. Dann erklärt er mir noch sehr ausführlich Gottes Liebe. Schließlich kommt mein Bus, ich steige ein, und da ruft er mir noch hinterher: "Gottes Segen sei mit Ihnen!" Sehr freundlich von ihm. Bin mir immer noch nicht ganz sicher, ob er ganz bei Trost ist. Und als ich im Bus Richtung heimwärts sitze, komme ich ins Grübeln, ob er sich nicht vielleicht die falsche Person für seinen Segen ausgesucht hat. Denn schließlich bin ich seit über 20 Jahren aus der Kirche ausgetreten, weil ich mir mit dem Glauben hart tue. Es ist nicht so, dass ich grundsätzlich abegeneigt bin, ich schaffe es nur einfach nicht, selbst wenn ich immer wieder nach Argumenten suche, die es mir ermöglichen würden zu glauben. Dabei ist mir sehr wohl bewusst, dass wirklich gläubige Menschen wesentlich sicherer durchs Leben schreiten. Da gibt es keinen Anflug des Zweifels, alles ist eindeutig, und das ganze Leben ist fast so etwas wie ein Lotteriegewinn. Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist geklärt, und auch die Frage, was nach dem irdischen Leben kommt. Das alles entgeht mir, weil ich nicht glaube. Aber vielleicht brauche ich genau deswegen Gottes Segen. Solche Gedanken gehen mir also im Kopf herum während meiner Heimfahrt. Und das alles nur deswegen, weil ich mich nicht gefürchtet habe. Sehr paradox.
Liebe Grüße
So wie auf dem Bild sah es heute in der Früh bei mir aus. Mittlerweile ist der Schnee noch viel mehr geworden. Wegen mir hätten sie sich da oben nicht anstrengen müssen, ich brauche das weiße Zeug wirklich nicht. Naja, man kann's nicht ändern.Heute bei der Bushaltestelle: Finsternis, Schneegestöber. Ich stehe in der Kälte und warte auf den Bus. Da kommt ein Mann und spricht mich an. "Grüßgott", sagt er. Ich grüße ihn auch und schaue ihn mir genauer an. Dicke Pudelmütze, ziemlich zahnloser Mund und freundliche Augen mit vielen Lachfältchen drum herum. Bin mir nicht ganz sicher, ob er ganz bei Trost ist, aber auf jeden Fall ist er harmlos. Er redet weiter: "Sie müssen sich nicht fürchten." Ich sage: "Ich fürchte mich nicht, es gibt keinen Grund dafür." Dann erzählt er mir lang und breit, dass er Pfarrer ist und dass Gott auf mich schaut, denn schließlich ist es ja für eine Frau nicht ungefährlich um diese Zeit auf der Straße. Was alles passieren kann, es gibt ja so viele schlechte Männer auf der Welt, ganz besonders in dieser unserer Zeit, aber ich soll mich nicht fürchten. Eigentlich habe ich mich noch nie abends auf der Straße gefürchtet, und das sage ich ihm auch, und füge noch hinzu, dass es Zeiten gegeben hat, in denen sich Frauen weit mehr fürchten mussten als heute. Herzliches Lachen ertönt. Dann erklärt er mir noch sehr ausführlich Gottes Liebe. Schließlich kommt mein Bus, ich steige ein, und da ruft er mir noch hinterher: "Gottes Segen sei mit Ihnen!" Sehr freundlich von ihm. Bin mir immer noch nicht ganz sicher, ob er ganz bei Trost ist. Und als ich im Bus Richtung heimwärts sitze, komme ich ins Grübeln, ob er sich nicht vielleicht die falsche Person für seinen Segen ausgesucht hat. Denn schließlich bin ich seit über 20 Jahren aus der Kirche ausgetreten, weil ich mir mit dem Glauben hart tue. Es ist nicht so, dass ich grundsätzlich abegeneigt bin, ich schaffe es nur einfach nicht, selbst wenn ich immer wieder nach Argumenten suche, die es mir ermöglichen würden zu glauben. Dabei ist mir sehr wohl bewusst, dass wirklich gläubige Menschen wesentlich sicherer durchs Leben schreiten. Da gibt es keinen Anflug des Zweifels, alles ist eindeutig, und das ganze Leben ist fast so etwas wie ein Lotteriegewinn. Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist geklärt, und auch die Frage, was nach dem irdischen Leben kommt. Das alles entgeht mir, weil ich nicht glaube. Aber vielleicht brauche ich genau deswegen Gottes Segen. Solche Gedanken gehen mir also im Kopf herum während meiner Heimfahrt. Und das alles nur deswegen, weil ich mich nicht gefürchtet habe. Sehr paradox.
Liebe Grüße
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